Westwerk Klosterkirche, Corvey-Höxter

Naturstein- und Fassungsarbeiten

Vom Bewahren eines einzigartigen Kulturerbes

In einer schnelllebigen Zeit sind Superlative häufig unbedacht und übereilt bemüht. Dies gilt leider auch in einem Gewerbe wie der Restaurierung von Kunst- und Kulturgütern. Beim UNESCO-zertifizierten Weltkulturerbe des Westwerks der ehemaligen Klosterkirche in Corvey bei Höxter ist eine Häufung solcher Prädikate allerdings eine schlichte Notwendigkeit.

Die ursprüngliche Benediktinerabtei wurde schon 815 von zwei Familienmitgliedern Karls des Großen gegründet. Ihr Name leitete sich vom französischen „Mutterkloster“, der Abtei von Corbie, her (lat.: nova Corbeia). Die Anlage spiegelte von Beginn an die Geschichte der Christianisierung durch das Fränkische Reich wider. Gerade am Westwerk, als einzig erhaltenem Kirchenbauteil aus der karolingischen Ära, wird dies besonders deutlich. Dies gilt sowohl für den hoch aufragenden und beeindruckend inszenierten Eindruck, den der Bau aus Bruchsteinmauerwerk von außen vermittelt, als auch für die Räumlichkeiten in dessen Innerem und deren repräsentative Funktion. Sie zeugen von Anspruch und Realität des mittelalterlichen Reisekönigtums sowie der engen Verbindung von weltlicher Herrschaft und Religiosität. So wird vermutet, dass das Westwerk mit seiner vorgelagerten Position und seiner Verbindung zum Kircheninnenraum als emporgehobener Bereich im sakralen Raum und Thronort für den gastierenden Monarchen diente. Seine Konstruktion sollte in jedem Fall stilbildend für eine ganze Reihe von ähnlichen Bauten werden, von denen leider kaum Beispiele erhalten sind.1

Die Innenräume des Westwerks bilden auch den Fokus der durch Nüthen Restaurierungen ausgeführten Restaurierungs- und Konservierungsarbeiten sowie den damit verbundenen Untersuchungen der betroffenen Natursteinelemente. Womit das nächste Argument für die Betonung der Einzigartigkeit des Westwerks in Corvey berührt ist. Hier finden sich bereits im Erdgeschoss (der s.g. Krypta) Kreuzgratgewölbe welche in großformatigen Säulen enden. Die Kopfbereiche dieser Säulen weisen Verzierungen auf, die für die karolingische Zeit absolut bemerkenswert sind. Die s.g. Kämpfer, als Schlussssteine des Gewölbes, sind mit reicher Ornamentik geschmückt. Die Kapitelle der Säulen weisen Blattverzierungen auf, welche einen Bezug zur korinthischen Tradition zeigen. Im zweistöckigen Obergeschoss des Mittelbaus wiederum sind Teile der Säulenkapitelle und Wandbereiche mit Malereien und Skizzen, ebenfalls aus karolingischer Zeit, geschmückt. Letztere werden im kunsthistorischen Fachjargon Pentimenti genannt. Die dafür verwendete Farbe ist ein Rot-Braun-Ton, welcher sich Sinopia nennt. Sowohl die Säulenkapitelle, als auch die mittelalterlichen Fassungsspuren beschäftigen unser Unternehmen seit Anfang 2020 bis voraussichtlich zum Herbst.

Wegen der Sensibilität der zu behandelnden Materie steht der Schutz von gerade nicht bearbeiteten Bauelementen dabei stets im Vordergrund. Professionelle Einhausungen aus feinmaschigem Gewebe müssen daher stets neu angelegt und versetzt werden. Abschnittsweise wird sodann eine Reduktion ausblühender oder bereits verkrusteter Schadsalze auf den Oberflächen von Pfeilern, Basen und Wandvorlagen vorgenommen. Dies geschieht bei Krusten mit dem Mikrostrahlgerät, welches auch zur Entfernung von Gipskrusten dient. In besonders stark betroffenen Kleinstflächen auch mit Kompressentsalzungen gearbeitet. Salzauflagerungen vermitteln nicht nur einen unästhetischen Eindruck, sie sind zusätzlich in der Lage, Feuchtigkeit aus der Luft zu binden. Eine schädigende Wirkung dieser weiteren Durchfeuchtung soll daher dringend unterbunden werden.

Auch wurden in den umfangreichen Voruntersuchungen einige weitere Auflagerungen auf den Natursteinelementen entdeckt, die nun unter Schonung von originalen Fassungsresten und Farbspuren schonend entfernt werden müssen. Hierzu zählen einige kaseingebundene Retuschen aus vorherigen Restaurierungsmaßnahmen. Auch finden sich auf zwei der Säulen kunstharzgebundene Beschichtungen, die als nicht dienlich für die langfristige Erhaltung des Materials gelten. Diese mit verschiedenen, zeitgemäßen Verfahren zu entfernen, bildet die Hauptaufgabe für Nüthen Restaurierungen in den Räumen des Westwerkes. Neben umsichtigem Arbeiten, restauratorischem Können und viel Geduld ist dabei jeden Tag auch die Leidenschaft für die Erhaltung eines einzigartigen Kulturschatzes gefragt.

Offizielle Fotos Westwerk Corvey: © Kalle Noltenhaus
1 Vgl.: Dehio, Georg [Hrsg.: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Band: Nordrhein-Westfalen, II. Westfalen, Berlin/München 1977, S. 242-246.

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