Löwenburg, Kassel

Natursteinarbeiten

Vom Märchenschloss zur starken Burg

Die Löwenburg ist das bauliche Ergebnis „der besonderen Ruinenschwärmerei“[1] des Kurfürsten Wilhelm I (1743-1821) und imitiert in seiner Anlage eine „mittelalterliche“ Burgruine im englisch-schottischen Stil der Neugotik. Der romantisierende Ursprungsbau wurde in den Jahren zwischen 1793 und 1801 errichtet.

Bezüglich des Zwecks und der Ausgestaltung der Burganlage wurden noch während der Erbauungszeit unterschiedlichste Anpassungen an den Willen des Kurfürsten ausgeführt, welche aufgrund der, nicht immer massiven baulichen Struktur einiger Gebäudepartien, zum Teil zu den vielschichtigen Restaurierungsproblemen der heutigen Zeit beitrugen. Auch erfuhr der Gebäudekomplex während des Zweiten Weltkrieges erhebliche Beschädigungen. So wurde bspw. der Bergfried, der größte der Burgtürme vollständig zerstört. Die ursprüngliche, schrittweise geplante und umgesetzte bauliche Form begünstigte nach dem Krieg weitere verschiedene Verfallserscheinungen. Am augenfälligsten waren dabei zunächst die starken Verschmutzungen auf allen Tuffsteinoberflächen, welche aus hartnäckig auflagernden Krusten (bspw. Ruß, Staub, Vogelexkremente) und großflächigen biogenen Bewüchsen bestanden. Letztere zeigten sich in der Form von Algen, Moosen, Flechten und sehr viel höherem Bewuchs. Historische Fotos der Burg zeigen zudem, dass vor allem der starke Bewuchs mit Rankpflanzen, wie Efeu, an vielen Flächen seit jeher zum romantisierenden Gesamtbild der Burg beitragen sollte - und daher ungehindert geduldet wurde. Der biogene Bewuchs schädigte nicht nur durch seine Fähigkeit Wasser zu speichern die Steinoberflächen. Besonders in den unteren Mauerbereichen zeigte sich, dass ein weit verzweigtes Wurzelwerk der Rankpflanzen das Mauerwerk rückwärtig destabilisierte.

Andere Partien des Burgmauerwerks waren durch tiefe und lange Risse geprägt, zeigten rückseitige Hohllagen oder waren in ihrer Position nicht ausreichend statisch gesichert (auskragende/aufragende Bereiche). Eine entsprechende Destabilisierung signifikanter Teile der Bausubstanz musste also in allen Teilen der Burganlage und über die verschiedenen Bauabschnitte hinweg konstatiert und entsprechend behandelt werden.

Die Steinoberflächen selbst zeigten vielfach massive Materialverluste durch Verwitterungserscheinungen wie Schalenbildung, Risse oder Abplatzungen. Tuff ist ein Gestein vulkanischen Ursprungs und durch Einschlüsse von Gasen oder anderen Sedimenten häufig sehr porös. Erkennen ließ sich dies an den vielen tiefen Kavernen im Gestein und starken Auswaschungen. Zusätzlich war die Wasserläufigkeit einiger Bauwerkspartien durch die bewusste Gestaltung der Steinoberflächen gestört und trug damit zu den genannten Schadbildern bei. Auch die Fugen waren durch Witterungseinflüsse, sich lösende Werksteine und Durchsetzung mit biogenem Bewuchs großflächig schadhaft. Für die Natursteinarbeiten galt also allgemein, dass die Sicherung aller Mauerwerksteile sowie die nachhaltige Wiederherstellung der Wasserläufigkeit derselben mit der bauzeitlich intendierten, ruinösen Gestaltung der einzelnen Werksteine und der Burganlage als Ganzes in Einklang gebracht werden musste.

Entsprechend des beschriebenen Charakters des Gebäudes, bestanden die Herausforderungen an die restauratorischen Arbeiten vor Ort zum Ersten in der Dimension der zu leistenden Natursteinarbeiten und zum Zweiten in der Aufnahme der ursprünglichen gestalterischen Intention des Gebäudes. Die „Patina“ einer „mittelalterlichen“ Burgruine galt es im Stile des späten 18. Jahrhunderts umzusetzen und dabei gleichzeitig modernste Möglichkeiten nachhaltiger Bauwerkssicherung und Konservierung zu nutzen.

[1][Dehio, Georg: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Band: Hessen, Berlin/München 1975, S. 463.

 

DIE LÖWENBURG AUS DER LUFT

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